Stellen Sie sich ein Internet vor, in dem nicht mehr Menschen allein klicken, vergleichen und bestellen – sondern ihre KI-Agenten. Genau das skizziert das Experiment Moltbook: ein Netzwerk, in dem über eine Million KI-Agenten miteinander posten, verhandeln und Deals vorbereiten. Menschen schauen zu, Agenten handeln.
Für Marken ist das kein Sci-Fi-Gimmick, sondern ein Vorgeschmack auf das, was ansteht: KI entscheidet nicht für Marken – sie entscheidet, über welche Marken überhaupt noch entschieden wird.
Von Reichweite zu „Relevance for Agents“
In einer Agenten-Welt verschiebt sich der Fokus:
- KI-Agenten filtern systematisch nach Preis-Leistung, Servicequalität, Zuverlässigkeit, Bewertungen, Nachhaltigkeit.
- Intransparente Konditionen, Dark Patterns oder instabile Prozesse sind keine lässlichen Sünden, sondern Ausschlusskriterien.
- Marketingversprechen werden gegen reale Performance gespiegelt – kontinuierlich und datenbasiert.
Die strategische Frage lautet damit: Ist unsere Marke so aufgestellt, dass Menschen sie mögen – und KI-Agenten sie trotzdem empfehlen?
Was heißt das konkret? Zwei Branchenbeispiele im Fokus
1. Shopping & E-Commerce: Vom schönen Frontend zur „Agenten-tauglichen“ Marke
Im E-Commerce reichen schöne Oberflächen und Performance-Kampagnen allein nicht mehr. Marken, die von KI-Agenten bevorzugt werden sollen, brauchen:
- saubere, strukturierte Produktdaten statt schwammiger Beschreibungstexte
- belegbare Qualität (Retouren, Reklamationen, Lieferzeiten, echte Reviews)
- stabile, faire Prozesse bei Lieferung, Bezahlung und Retouren
Kurz: Real Performance schlägt Funnel-Tricks.
Wer hier sauber aufgestellt ist, hat gute Chancen, in den „Standardroutinen“ der Agenten zu landen – etwa bei wiederkehrenden Einkäufen.
2. Telekommunikation: Tarife, die Agenten standhalten
Telko-Tarife sind oft komplex – genau das macht sie zum idealen Spielfeld für Agenten. Wenn KI die Details von Grundgebühren, Laufzeiten, Bundles und Fußnoten minutiös vergleicht, gewinnen diejenigen Anbieter, die:
- Tarife klar, konsistent und vergleichbar strukturieren
- Netz- und Servicequalität mit belastbaren Kennzahlen unterlegen
- Fairness erlebbar machen (z. B. echte Bestandskundenvorteile, transparente Kündigungs- und Upgrade-Optionen)
Wer das schafft, wird nicht nur von Menschen als „gute Wahl“ wahrgenommen, sondern auch von Agenten als „standardmäßig empfehlenswert“.
Drei Konsequenzen für Markenstrateg:innen
- „Agent Readiness“ wird Teil der Markenstrategie
Markenversprechen müssen sich in Daten, Prozessen und UX wiederfinden, die auch aus Agenten-Sicht schlüssig sind. Das betrifft Produktarchitektur, Pricing, Service-Level und Transparenz gleichermaßen. - Wiederholte Präsenz reicht nicht – es braucht konsistente Substanz
KI-Agenten sind immun gegen schöne Geschichten ohne Fundament. Sie aggregieren Erfahrungen, Bewertungen und Kennzahlen über Zeit. Wer dauerhaft liefert, gewinnt – nicht zwingend, wer am lautesten wirbt. - Marktforschung muss Mensch und Maschine gleichzeitig denken
Es reicht nicht mehr, nur zu testen, wie Menschen auf Claims und Kampagnen reagieren. Entscheidend wird:
– welche Kriterien Menschen bewusst nennen,
– welche Faktoren ihr Verhalten tatsächlich steuern
– und wie sich genau diese Signale in algorithmische Auswahlprozesse übersetzen lassen.
Life Centricity: Warum der Blick auf das ganze Leben wichtiger wird
Bei GIM sprechen wir in diesem Kontext von Life Centricity: Wir betrachten Menschen nicht nur als Käufer:innen einer Kategorie, sondern in ihrem gesamten Lebenskontext – mit Routinen, Spannungsfeldern und Bedürfnissen über Branchen hinweg.
Gerade im Zeitalter der KI-Agenten ist das entscheidend:
- Agenten optimieren entlang des gesamten Alltags (Zeit, Geld, Bequemlichkeit, Sicherheit), nicht entlang einer einzelnen Kategorie.
- Marken, die nur produktzentriert denken, laufen Gefahr, in dieser breiteren Optimierungslogik zu verlieren.
- Marken, die verstehen, in welchen Lebenssituationen sie wirklich Relevanz stiften, können ihre Angebote so gestalten, dass sie sowohl für Menschen sinnhaft als auch für Agenten rational attraktiv sind.
Markenführung wird damit zur Übersetzungsaufgabe: Vom Leben zur Marke – und von der Marke auch in die Logik der Agenten.
Fazit: Wer heute sauber aufsetzt, wird morgen automatisch mitempfohlen
KI-Agenten wie in Moltbook markieren den Beginn einer neuen Phase der Digitalisierung:
- Marken mit klarer Leistung, fairen Konditionen und konsistenter Customer Experience werden strukturell bevorteilt.
- Marken mit Kosmetik ohne Substanz verlieren nicht dramatisch über Nacht – sondern leise, aber nachhaltig an Sichtbarkeit.
- Gewinner:innen sind diejenigen, die Brand, CX, Datenqualität und „Agent Readiness“ gemeinsam denken – und ihre Angebote aus dem Leben der Menschen heraus entwickeln, nicht aus der Logik einzelner Kampagnen.
Oder anders gesagt:
Je besser eine Marke zum echten Leben passt, desto leichter lässt sie sich in Agentenlogiken übersetzen – und desto häufiger wird sie automatisch mitempfohlen.
FAQ: Wie KI-Agenten Marken verändern (und was Sie jetzt tun können)
Wie werden KI-Agenten konkret Kaufentscheidungen beeinflussen?
Sie werden nicht jeden Kauf „übernehmen“, aber zunehmend Vorselektion betreiben: Preise vergleichen, Vertragsbedingungen prüfen, Bewertungen auslesen, Liefer- und Servicequalität abgleichen – und ihren Nutzer:innen nur noch wenige, passende Optionen vorschlagen.
Was sollten E-Commerce-Anbieter kurzfristig tun?
Produktdaten vereinheitlichen, Preis- und Lieferinformationen konsequent transparent machen, Retouren- und Reklamationsdaten ernst nehmen – und CX-Metriken strukturiert erfassen. Je besser diese Basis, desto „agentenfreundlicher“ wird der Shop.
Warum ist das Thema für Telko-Marken besonders sensibel?
Komplexe Tarife sind für Menschen schwer vergleichbar, für Agenten dagegen ideal. Wer seine Tariflogik nicht vereinfacht und ehrlich macht, wird in der algorithmischen Vorauswahl schnell aussortiert – selbst wenn die Marke emotional stark ist.
Wie unterscheidet sich Life Centricity von klassischer Customer Centricity?
Customer Centricity betrachtet Kund:innen primär in der Interaktion mit einer Marke oder Kategorie. Life Centricity geht darüber hinaus: Sie fragt, welche Rolle eine Marke im gesamten Lebenskontext spielt – und liefert damit genau die Insights, die Agentenlogiken langfristig berücksichtigen.
Wie kann GIM bei der Vorbereitung auf eine Agenten-Ökonomie unterstützen?
Wir verbinden Markenpsychologie, Life-Centric-CX-Forschung und experimentelle Designs: von Customer-Journey-Analysen über Werbewirkungs- und Tariftests bis hin zu Studien, die simulieren, wie unterschiedliche Kriterien in algorithmischen Auswahlprozessen wirken – immer mit dem Leben der Menschen als Referenzpunkt.
Wenn Sie wissen möchten, wie „agentenfit“ und lebenszentriert Ihre Marke heute bereits ist – und wo Sie nachschärfen sollten, sprechen Sie uns gerne an. Wie unterstützen Sie dabei, Marken so zu führen, dass sie im echten Leben überzeugen – und damit auch in der Logik der KI-Agenten bestehen.

Dr. Tomas Jerković
Senior Research Director

Dr. Jörg Munkes
Managing Director
Heidelberg





