Zwischen Polarisierung und Partizipation: Warum Social Media-Plattformen extreme Einstellungen Jugendlicher verstärken können – und wie Medienhäuser entgegenwirken können.
Kurz und knapp: TikTok prägt zunehmend, wie Jugendliche Nachrichten, Meinungen und Werte wahrnehmen, da soziale Netzwerke unterhaltsame, emotionale und niedrigschwellige Inhalte liefern, während klassische Medien als weniger relevant empfunden werden. Dies macht junge Menschen besonders anfällig für polarisierende oder extremistische Narrative, eröffnet aber zugleich Chancen für die Vermittlung demokratischer Werte, wenn Inhalte glaubwürdig, ästhetisch anschlussfähig und lebensweltnah gestaltet sind. Medienbildung, zielgruppengerechte Inhalte und aktive Förderung pluraler Perspektiven sind entscheidend, um junge Nutzer:innen in ihrer politischen Sozialisation zu stärken.
Was Jugendliche sehen, denken und glauben, wird zunehmend durch Plattformen wie TikTok geprägt. Die Plattform ist für viele zur primären Quelle für Nachrichten, Meinungen und Weltbilder geworden. Das Leibniz‑Institut für Medienforschung hat festgestellt, dass viele Jugendliche etablierte Medien als wenig lebensweltlich relevant wahrnehmen und stattdessen soziale Netzwerke bevorzugen, weil Inhalte dort unterhaltender, kürzer und emotionaler sind – was sie attraktiver für die eigene Meinungsbildung macht.
Social Media-Inhalte steuern zunehmend Wahrnehmungen über Gesellschaft, Politik und normative Orientierungen. Besonders junge Menschen gelten als vulnerable Gruppe, die negativen Konsequenzen algorithmisch kuratierter Inhalte – etwa Verzerrungen, Desinformation oder manipulativen Kommunikationsstrategien – potenziell stärker ausgesetzt ist (Leibniz‑Institut für Medienforschung, 2023).
Algorithmen bevorzugen dabei engagierende Beiträge, was die Sichtbarkeit extremistischer oder polarisierender Inhalte erhöhen kann. (Trap of Social Media Algorithms: A Systematic Review, 2025).
Diese Prozesse können besonders stark bei Jugendlichen wirken, die sich in einer Phase der Identitätsbildung befinden. Einfache, polarisierte Narrative werden dabei oft attraktiver erlebt als komplexe, nuancierte Positionen. Wenn Jugendliche aber vorrangig in Räumen sozialer Medien geprägt werden, in denen polarisierende Botschaften dominieren, wird die Grundlage für eine gesunde demokratische Sozialisation gefährdet.
Für die Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin Maya Götz liegt hier die Anfälligkeit für zum Beispiel politisch extrem linke oder rechte Propagandavideos, in denen Fakten in überzeugender Aufmachung verfälscht dargestellt und undemokratische Weltbilder befördert werden. Durch die offene Rezeptionshaltung der Jugendlichen gegenüber Social Media Plattformen wie TikTok und die schnelle, verständliche und jugendaffine Anmutung, haben junge Zielgruppen kaum eine Chance, sich propagandistisch vermittelten Deutungsmustern zu entziehen.
Für Maya Götz zeigt sich hier ein zentrales Defizit an Medienkompetenz – nämlich die Fähigkeit, Inhalte kritisch zu hinterfragen, Quellen einzuordnen und zwischen Information und Manipulation zu unterscheiden. (Andrea Holler & Götz, 2025).
Hier sind kombinierte Strategien notwendig, die Medienbildung, regulatorische Maßnahmen und die aktive Förderung pluraler, demokratischer Inhalte miteinander verbinden. Insbesondere die gezielte Sichtbarmachung alternativer Narrative und wertepluraler Inhalte können dazu beitragen, algorithmisch verengte Wahrnehmungsräume aufzubrechen (Ahmmad et al., 2025).
Medien- und Informationskompetenz in Schule und Bildung, partizipative Social-Media-Formate, politische Regulierung und gezielte Förderung wertorientierter Inhalte sind entscheidend, um demokratische Orientierung zu stärken. Aber auch plattformgerechte, glaubwürdige Formate können positive Narrative sichtbar machen und Polarisierung entgegenwirken. Prodemokratische, faktenbasierte Inhalte schaffen alternative Perspektiven und verhindern die Dominanz extremistischer Narrative.
TikTok lässt sich auch zur Wertvermittlung nutzen
Der Beitrag „Können TikTok-Videos Werte vermitteln?“ von Götz et al. (2025) widmet sich der Frage, ob und wie wertbezogene Inhalte auf TikTok transportiert werden können.
Die Präsenz professioneller, demokratisch orientierter Medien ist auf Social Media unverzichtbar. Ohne sie bestimmen häufig vereinfachte, emotional aufgeladene oder extreme Inhalte den Diskurs. Mit eigenen Beiträgen lassen sich, Themen frühzeitig setzen, statt nur auf problematische Inhalte zu reagieren. Diese Posts sollten verständlich, niedrigschwellig und plattformgerecht gestaltet sein, ohne journalistische Qualität einzubüßen.
Demokratische, werteorientierte Inhalte können auch bei Jugendlichen mit rechtsaffinen Einstellungen wirken, wenn sie glaubwürdig, ästhetisch anschlussfähig und emotional sowie authentisch inszeniert sind. Nur so können sie Aufmerksamkeit erzeugen und Wirkung entfalten, da Jugendliche in eigenen sprachlichen und kulturellen Kontexten kommunizieren.
In der Studienreihe „Soziale Netzwerke, Geschlechterbilder und Werte“ hat Maya Götz mit ihrem Team nach Möglichkeiten gesucht, wie mithilfe von TikTok-Clips eine Werteerweiterung in relevanten Problembereichen angebahnt werden kann. Die GIM hat dafür 8 Fallstudien mit Jugendlichen (15 bis 17 Jahre), die sich selbst als politisch rechts einstufen, durchgeführt und die Insights in einer Nachfolgestudie quantifiziert. Dabei wurde der Wertekosmos der Jugendlichen untersucht und der Einfluss von Social Media und Content auf das Wertesystem analysiert. Im Anschluss erfolgte eine Studie zur Überprüfung von TikTok-Videos, die zeigt: Wenn prodemokratische TikTok-Videos an vertraute Stile und Sehgewohnheiten anknüpfen, können sie auch Jugendliche mit rechtsoffenen Einstellungen ansprechen, ihnen gefallen und sogar weiterverbreitet werden (Götz et al., 2025). Die Insights waren so spannend, dass sie sogar auf der Berlinale präsentiert wurden.
Zwar reicht eine kleine Anzahl solcher Clips nicht aus, um grundlegende politische Einstellungen zu verändern, doch das Experiment zeigt, dass es möglich ist, diese Jugendlichen in ihrer Medienwelt zu erreichen und demokratische Werte zumindest anzustoßen und sichtbar zu machen.
Wenn Medienhäuser Ausdrucksweisen, Beispiele und Bezugspunkte aus dem Alltag junger Menschen nutzen, erhöhen sie die Aufmerksamkeit und Anschlussfähigkeit ihrer Inhalte.
Die Orientierung an deren Lebenswelten spielt eine zentrale Rolle für Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Jugendliche reagieren sensibel auf belehrende oder künstlich wirkende Kommunikation. Inhalte, die ihre Erfahrungen, Sorgen und Interessen ernst nehmen, fördern das Gefühl, gesehen und angesprochen zu werden, ohne dabei journalistische Seriosität aufzugeben.
Hier kommt Medien- und Marktforschung ins Spiel. Sie liefert fundierte Erkenntnisse über Mediennutzung, Themeninteressen, Sprachstile und Plattformgewohnheiten verschiedener Jugendgruppen. Mit dem GIM Social Media Clip Compass können kreative Umsetzungen von Social Media Clips vorab überprüft werden. Weitere Fragen? Melden Sie sich gerne bei mir!

Brigitte Bayer
Senior Research Director
Literaturverzeichnis
Ahmmad, M., Shahzad, K., Iqbal, A., & Latif, M. (2025).
"Trap of social media algorithms: A systematic review of research on filter bubbles, echo chambers, and their impact on youth." Societies, 15(11), 301. https://doi.org/10.3390/soc15110301
Götz, M., … et al. (2025). „Können TikTok-Videos Werte vermitteln?“ TelevIZIon, Heft 38/2025, Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), Bayerischer Rundfunk.
Holler, A., & Götz, M. (2025).
"'TikTok ist die größte Informationsquelle, die ich habe': Wie Jugendliche TikTok als Informationsquelle nutzen." München: Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). https://izi.br.de/deutsch/publikation/televizion/38_2025_2/Holler_Goetz-TikTok_ist_die_groe%C3%9Fte_Informationsquelle_die_ich_habe.pdf
Leibniz‑Institut für Medienforschung. (2023).
"Junge Menschen und journalistische Angebote: Nutzung, Relevanz und Wahrnehmung." Berlin: Leibniz-Institut für Medienforschung. https://www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/neues/forschungsnachrichten/forschungsnachrichten-single/newsdetails/junge-menschen-werden-mit-journalistischen-angeboten-kaum-erreicht





