Connected TV und Streaming bieten enorme Chancen für Marken – und gleichzeitig neue Risiken. Denn zwischen starker Markenpräsenz und genervtem Abschalten liegen oft nur wenige Wiederholungen.
Wenn Wiederholung kippt: emotionale Achterbahnfahrt im Werbeblock
Wer ein werbegestütztes Streaming-Abo nutzt, kennt das Gefühl: Am Anfang ist der Spot noch interessant, vielleicht sogar sympathisch. Nach der fünften, siebten oder zehnten Wiederholung entsteht etwas anderes: Augenrollen, genervtes Wegklicken – oder der bewusste Wechsel ins werbefreie Abo.
Psychologisch lässt sich diese Dynamik als kleine Kaskade beschreiben:
- Ad Fatigue – Ermüdung
Der Spot ist bekannt, aber nicht mehr spannend. Aufmerksamkeit und Involvement sinken. - Ad Annoyance – Verärgerung
Durch zu hohe, schlecht gesteuerte Frequenz wird Werbung als aufdringlich erlebt. Die Marke wird mit Störung verknüpft. - Ad Avoidance – Vermeidungsverhalten
Menschen suchen aktiv Wege, Werbung zu umgehen: zweiter Screen, Ton aus, Plattformwechsel, Abo-Upgrade. - Brand Rejection – aktive Ablehnung
Im Extremfall wird die Marke bewusst gemieden: „Von denen kaufe ich erst einmal nichts.“
Aus Markensicht ist das ein ernstes Risiko: Werbereichweite ohne kluge Steuerung von Frequenz, Kontext und Kreativvariation kann Markenwert kosten – statt ihn aufzubauen.
Mere Exposure vs. Wear-out: Wann viel nicht mehr hilft
Der Mere-Exposure-Effekt zeigt: Je häufiger wir eine Marke sehen oder hören, desto vertrauter – und oft desto positiver – bewerten wir sie. Aber nur bis zu einem Punkt.
In der Mediapraxis gilt genauso:
- Wird immer dieselbe Version eines Spots ausgespielt, kippt Vertrautheit schnell in Langeweile und Überdruss (Wear-out).
- Ohne passende Kontexte und Media Entry Points (also mediale Berührungspunkte, die zur Situation und Produktkategorie passen) verstärkt sich dieses Gefühl – Werbung wirkt „fehl am Platz“.
- In der Folge steigt das Risiko von Reaktanz: „Schon wieder die…“.
Entscheidend ist daher nicht nur, wie oft, sondern vor allem wie, wann und wo Spots ausgespielt werden:
- Frequenz ohne Variation erzeugt rasch Ad Fatigue.
- Monotone Platzierung (immer der gleiche Spot in derselben Werbepause) verstärkt Ad Annoyance.
- Unpassende Media Entry Points führen zu Ad Avoidance – und im schlimmsten Fall zu Brand Rejection.
Marken, die Streaming- und CTV-Werbung (CTV = Connected TV, internetbasiertes Fernsehen) gezielt nutzen wollen, brauchen deshalb mehr als Media-Druck: Sie brauchen ein Verständnis dafür, wie Menschen Werbung emotional verarbeiten – und wie kreative Variation und kluge Kontaktstrecken Wear-out hinauszögern.
Drei Branchen – drei Lernfelder
1. Medien & Streaming: Frequency Capping ist gut – kreative Variation ist besser
Streamingplattformen und Medienmarken sitzen im Zentrum des Problems – und der Lösung:
- Reine Reichweite ohne Frequency Capping und Rotation führt dazu, dass einzelne Spots „totgespielt“ werden. Die Folge: Ad Fatigue und genervte Upgrades ins werbefreie Abo.
- Besser: Varianten-Logik und gestaffelte Kampagnen.
- Zunächst ein emotionaler Hero-Spot zum Markenaufbau,
- später gekürzte Reminder-Varianten,
- flankiert von kontextsensitiven Cutdowns (z. B. andere Einstiege, andere Endframes, andere Call-to-Actions).
- Pulsing-Strategien helfen zusätzlich: Spots in Wellen schalten, dazwischen kurze Pausen – so fühlt sich der nächste Kontakt wieder frischer an.
Für Publisher und Plattformen bedeutet das: Nicht mehr Kontakte, sondern bessere Kontakte – mit passender kreativer Variation im richtigen Umfeld – sind der Schlüssel zu nachhaltiger Werbewirkung.
2. Food & FMCG: Präsenz ja – Dauerbeschallung nein
Food- und FMCG-Marken leben von Sichtbarkeit im Alltag – gerade bei Snacks, Getränken oder Süßwaren. Gleichzeitig sind sie sehr anfällig für Überdruss:
- Wenn derselbe Spot gleichzeitig im linearen TV, im CTV, als Pre-Roll und in Social Ads läuft, entsteht schnell das Gefühl einer Endlosschleife.
- Kluge Marken arbeiten deshalb mit unterschiedlichen Kreativrollen:
- Im CTV: emotionaler Story-Spot, der Marke und Lebensstil auflädt.
- In Social: kürzere, humorvolle oder snackable Varianten.
- Kurz vor dem Kaufmoment (z. B. in Retail-Media-Umfeldern): aktivierende Cutdowns mit Fokus auf Kategorie, Sortiment oder Preis.
- Auch hier helfen Media Entry Points: Kaffee- oder Frühstücksprodukte am Morgen, Snack- und Genussmarken eher am Feierabend- oder Entertainment-Kontext.
Wer versteht, ab welcher Frequenz Sympathie kippt – und wie sich kreative Varianten auf die emotionale Kurve auswirken –, kann Präsenz sichern, ohne an der Kasse „abgestraft“ zu werden.
3. Automotive & Mobilität: High Involvement braucht klug gestaltete Kontaktstrecken
Im Automotive-Bereich ist Involvement hoch – ebenso wie der Anspruch an Markenkommunikation:
- Ein starker Image-Spot im CTV kann Begeisterung erzeugen – aber nicht, wenn er gefühlt jede Werbepause dominiert.
- Erfolgreiche Hersteller arbeiten deshalb mit Kontaktstrecken, die Kreativvariation und Kontext verbinden:
- Hero-Film zur Emotionalisierung,
- zielgruppenspezifische Varianten (z. B. Fokus auf Sicherheit, Technologie oder Nachhaltigkeit),
- taktische Formate kurz vor der Probefahrt- oder Konfigurationsentscheidung.
- Gerade bei stark beworbenen Marken (z. B. im Premiumsegment) ist „nervige“ Dauerpräsenz riskant: Sie widerspricht dem Qualitätsanspruch und kann Vertrauen und Wertigkeit untergraben.
Hier ist kontinuierliche Werbewirkungsforschung über den Kampagnenverlauf entscheidend: nicht nur Pretests, sondern wiederholte Messungen, die zeigen, wann ein Spot noch trägt – und wann neue Varianten nötig werden.
Wann „nerven“ trotzdem strategisch sein kann – und wann nicht
In seltenen Fällen kann sehr hohe Werbeintensität bewusst eingesetzt werden – etwa bei Low-Involvement-Kategorien, Discount-Angeboten oder kurzfristigen Aktionen, bei denen reine Präsenz und mentale Verfügbarkeit wichtiger sind als Sympathie (Stichwort: „Carglas repariert…“).
Aber: Forschung zeigt, dass übermäßige Wiederholung meist zu Wear-out, Reaktanz und negativer Markenwahrnehmung führt – insbesondere bei vertrauenssensiblen Marken (Finanzen, Health, Premium, B2B). Dort gilt: Nervigkeit widerspricht dem Markenkern.
Fazit: Variation ist der Schlüssel – nicht Lautstärke
Ad Fatigue ist kein Randphänomen, sondern gelebter Alltag in Streaming- und Mediennutzung. Sie endet nicht nur mit einem Seufzer auf dem Sofa, sondern sehr konkret mit:
- Upgrades auf werbefreie Modelle,
- aktiver Werbevermeidung und
- bewusster Ablehnung einzelner Marken.
Wer heute in Connected TV, Streaming und digitale Bewegtbildformate investiert, braucht deshalb drei Dinge:
- Psychologisches Verständnis für die Grenzen zwischen Mere Exposure, Wear-out und „werblichem Bore-out“ – also der Langeweile durch immer gleiche Reize.
- Kreative Variation und Umfeldpassung statt nur mehr Druck: Varianten-Logik, Pulsing und passende Media Entry Points sind zentrale Hebel.
- Marktforschung, die Wirkung sichtbar macht: nicht nur Klicks und Views, sondern echte Markenwirkung, Reaktanz, Irritation und Bindung.
Genau hier setzt GIM an – mit psychologisch fundierter Werbewirkungsforschung, Customer-Journey-Analysen und individuellen Test-Designs für CTV, Streaming und crossmediale Kampagnen. So sehen Sie, wann Ihre Spots noch wirken – und ab wann neue Impulse nötig sind.
FAQ: Wie Sie Ad Fatigue und Brand Rejection mit Marktforschung in den Griff bekommen
Wie erkenne ich, ob meine Kampagne unter Ad Fatigue leidet?
Typische Signale sind sinkende Werbeerinnerung trotz hoher Kontaktzahl, wachsende Irritationswerte in Befragungen, ungünstige Social-Media-Reaktionen („Schon wieder diese Werbung…“) und eine stagnierende oder rückläufige Markenpräferenz. Unter anderem Tracking-Studien und qualitative Tiefeninterviews helfen, diese Muster frühzeitig zu identifizieren.
Lässt sich die „richtige“ Werbefrequenz überhaupt bestimmen?
Eine starre „magic number“ gibt es nicht – zu stark hängen Wirkung und Wear-out von Umfeld, Entry Points und Kreatividee ab. Mit A/B-Tests, Experimenten zu unterschiedlichen Frequenzen und wiederholten Wirkungs-Messungen (z. B. nach 3, 5, 7 Kontakten) lässt sich aber gut bestimmen, ab wann zusätzliche Kontakte keinen Mehrwert mehr bringen – oder beginnen zu schaden.
Welche Rolle spielt kreative Variation wirklich im Kampf gegen Wear-out?
Eine starke Leitidee ist wichtig – aber in immer identischer Ausführung wird sie schnell zur Belastung. Varianten in Länge, Perspektive, Storyelementen oder Call-to-Action halten Aufmerksamkeit länger hoch und reduzieren das Gefühl von „immer dasselbe“. Marktforschung zeigt, welche Motivkombinationen im Zusammenspiel die beste Wirkung erzielen.
Wie unterstützt GIM konkret bei CTV- und Streaming-Kampagnen?
Wir testen Bewegtbildkampagnen vor, während und nach dem Flight – in realistischen Streaming-Umfeldern. Dazu gehören Copy-Tests, Ad-Experience-Studien, psychologische Wirkungsanalysen (z. B. Reaktanz, Irritation, Sympathie, Brand Lift) und Customer-Journey-Analysen entlang relevanter Media Entry Points. So erkennen Sie, wie aus Kontakten tatsächlich Markenwirkung wird.
Möchten Sie wissen, ob Ihre Streaming- und CTV-Kampagnen noch begeistern – oder Ihre Zielgruppen ins werbefreie Abo treiben?
Dann sprechen Sie mit uns. Wir verbinden Markenpsychologie, Mediapraxis sowie Forschungs- und Beratungsexpertise – für Kampagnen, die wirken, ohne zu nerven.

Brigitte Bayer
Senior Research Director

Dr. Jörg Munkes
Managing Director
Heidelberg





