Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Add-on – oft wird sie zum Prüfstein für Markenführung. Besonders spannend wird es, wenn ausgerechnet Ikonen wie die blaue Nivea-Dose „grün“ werden sollen. Das hat viel mit Expectation Assimilation zu tun.
Doch der Reihe nach: Mit „Natural Touch“ bringt Nivea eine nachhaltigere Variante des Klassikers auf den Markt. Die Fachwelt diskutierte zu Jahresbeginn: Ist das kluges Portfolio-Management – oder eine Verwässerung der Markenidentität? Die Schlüsselfrage lautet jedoch: Wie erleben Konsument:innen solche Line Extensions – und was bedeutet das für Markenstrategie und Kundenrelevanz?
Nachhaltigkeit als Line Extension – statt als stilles Re-Design
Traditionsmarken stehen vor einem echten Dilemma:
- Radikale Umstellung des Portfolios (gleicher Markenname, neue Rezepturen) vs.
- Behutsame Erweiterung durch nachhaltige Varianten (Line Extensions).
Nivea entscheidet sich mit „Natural Touch“ bewusst für den zweiten Weg:
- Der ikonische Klassiker bleibt unangetastet.
- Die grüne Variante bietet eine „bessere Wahl“ für alle, die Nachhaltigkeit aktiv suchen.
- Die Marke übernimmt Verantwortung, ohne ihre Stammkundschaft zu bevormunden.
Das ist strategisch klug – gerade bei Produkten, die Menschen emotional eng mit ihrer Lebensgeschichte verbinden (Kindheit, Familie, Pflege-Rituale).
Die Konsumentenperspektive: Vertrautes plus „besseres Gewissen“
In vielen Fachdebatten geht es um Markenarchitektur, Portfolio-Logik oder Designfragen. Was oft zu kurz kommt, ist der konkrete Kundennutzen. Denn für Kunden bietet eine gelungene nachhaltige Line Extension vor allem eines: Wahlfreiheit ohne Kontroll- und Qualitätsverlust.
Typisch sind Denk- und Gefühlsmuster wie:
- „Die blaue Dose kenne ich – die funktioniert.“
- „Natural Touch klingt nach vertrauter Pflege, nur umweltbewusster.“
- „Ich kann ausprobieren, ohne auf mein bewährtes Produkt verzichten zu müssen.“
So entsteht ein psychologisch angenehmerer Übergang:
- Die Marke bietet eine neue Option,
- aber sie bricht nicht abrupt mit vertrauten Erwartungen.
Genau hier ist Erwartungspsychologie entscheidend.
Expectation Assimilation: Warum „natürlich“ schnell als „weniger wirksam“ gilt
Aus der Verhaltenspsychologie wissen wir: Menschen interpretieren Wahrnehmung durch die Brille ihrer Erwartungen.
Dieses Muster – häufig als Expectation Assimilation beschrieben – zeigt sich in vielen Kategorien:
- Nachhaltige Produkte werden oft als weniger leistungsstark wahrgenommen („umweltfreundlich = weniger Power“).
- Gesunde Alternativen gelten intuitiv als weniger lecker („gesund = schmeckt schlechter“).
Die Folge:
- Schon der Claim „natürlich“, „sanft“, „clean“ kann – ungewollt – die Wirksamkeitserwartung senken.
- Wenn dann auch noch Textur, Duft oder Wirkung minimal anders sind, bestätigen sich Vorurteile schnell.
Zwei bekannte Beispiele illustrieren die Spannbreite:
- New Coke (Coca-Cola): Rezeptur geändert, Marke gleich gelassen – die Reaktanz der Fans war maximal. Ein Musterfall dafür, wie tief enttäuschte Erwartungen eine Ikone beschädigen können.
- Kraft Mac & Cheese: Zusammensetzung still verbessert, künstliche Stoffe reduziert – und erst Monate später stolz kommuniziert, dass niemand etwas bemerkt hat. Ein „Blindtest in Echtzeit“, bei dem Leistungserwartung und Markenbindung stabil blieben.
Nivea geht einen dritten Weg: kein heimlicher Austausch, sondern transparente Ergänzung. Die Kund:innen können selbst entscheiden, ob und wann sie wechseln.
Was Marken aus „Natural Touch“ lernen können
Markenverantwortliche – in Beauty, Food, Home Care & Co. – erhalten aus diesem Case drei Learnings:
1. Nachhaltigkeit als Plus positionieren, nicht als impliziten Verzicht
- Nicht „weniger“, sondern „anders und zusätzlich“:
- „Gleiche Pflege, bessere Ökobilanz.“
- „Bewährtes Hautgefühl, verbesserte Rezeptur für Umwelt und Hautbarriere.“
- Wichtig: Leistungsversprechen klar zusichern – Nachhaltigkeit darf nicht wie eine versteckte Schwächung wirken.
2. Line Extensions sauber vom Markenkern aus ausspielen
- Line Extensions funktionieren, wenn sie an bestehende Codes andocken (Farbe, Form, Name, Ritual).
- Sie scheitern, wenn sie wie eigenständige Marken wirken oder den Kern angreifen.
- Nivea bleibt visuell und semantisch ziemlich nah an der blauen Dose – das erleichtert mentale Brückenschläge: „Das ist Nivea, nur zeitgemäßer.“
3. Ohne fundierte Forschung wird Nachhaltigkeit schnell zur Projektionsfläche
Beiersdorf hat nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Konsument:innen in den Entwicklungsprozess eingebunden. Das ist strategisch wichtig dabei:
- Welches Preisgefüge ist akzeptabel – wie viel „Green Premium“ trägt die Marke?
- Wie stark dürfen sich Duft, Textur, Hautgefühl verändern, ohne Vertrauensverlust?
- Welche Claims („natural“, „clean“, „vegan“) werden positiv, welche skeptisch gelesen?
Fundierte Forschung schützt hier vor teuren Fehlannahmen – und vor Nachhaltigkeitsprojekten, die am Markt vorbeigehen.
Fazit: Nachhaltig werden – ohne die Seele der Marke zu verlieren
Ist Nachhaltigkeit nur eine „Line Extension“? Die ehrliche Antwort: Sie kann es sein – wenn Marken sie so behandeln.
Wer den grünen Wandel lediglich als weiteres Produkt im Regal denkt, verschenkt Potenzial (und Glaubwürdigkeit). Wer ihn jedoch als strategische Evolution des Markenkerns versteht, kann beides verbinden:
- Vertrautheit + Leistungsversprechen als Kerntreiber des Klassikers
- Relevanz + Verantwortung für eine neue Konsument:innen- und Regulierungsgeneration
Nivea „Natural Touch“ ist damit weniger eine einfache Sorten-Erweiterung als ein Testfall für eine größere Frage: Wie weit können sich Ikonen verändern, ohne ihre emotionale Lizenz bei den Menschen zu verspielen?
GIM unterstützt Marken bei solchen Fragenstellungen – unter anderem mit Forschung zu Wahrnehmung, Wirkung und Akzeptanz nachhaltiger Innovationen, bevor und während sie in den Markt gehen.
FAQ: Nachhaltige Line Extensions, die wirken (und nicht verunsichern)
Wie reagieren Konsument:innen generell auf nachhaltige Varianten bekannter Marken?
Viele Menschen begrüßen nachhaltige Alternativen – sofern Leistung, Ritual und Vertrautheit erhalten bleiben. Häufig möchten sie „das Gleiche in besser“, nicht „etwas völlig Anderes“. Unsere Forschung zeigt: Wird Nachhaltigkeit als Zusatznutzen statt als Verzicht inszeniert, steigen sowohl Akzeptanz als auch Zahlungsbereitschaft.
Ist eine Line Extension sinnvoller als die komplette Umstellung eines Klassikers?
Das hängt von Marke, Kategorie und Zielgruppe ab. Line Extensions sind besonders sinnvoll, wenn:
- der Klassiker stark emotional aufgeladen ist,
- Rezeptur- oder Erlebnisänderungen zu hohem Risiko führen würden und
- verschiedene Zielgruppen unterschiedlich schnell „grüner“ werden.
Marktforschung hilft beispielsweise, Szenarien zu modellieren: Wann ist parallele Führung sinnvoll – und ab wann kann ein schrittweiser Übergang funktionieren?
Wie vermeidet man, dass nachhaltige Produkte als „weniger wirksam“ wahrgenommen werden?
Wichtig sind:
- klare Leistungsbeweise (Tests, Studien, dermatologische Bestätigungen),
- möglichst präzise Sprache (nicht „sanft = schwach“, sondern „sanft zur Haut, stark in der Wirkung“)
- und konsistente Erfahrungen im Gebrauch. GIM testet hier unter anderem Claim-Wirkung , Packungstexte, Haptik und Usage Experience – auch im Vergleich zur bestehenden Variante.
Welche Rolle spielt Marktforschung bei der Entwicklung solcher Line Extensions?
Eine zentrale. Sie hilft zum Beispiel dabei,
- Erwartungen und Befürchtungen der Zielgruppen zu verstehen,
- Positionierungsoptionen zu testen (wie Name, Design, Preis, Claim),
- Kannibalisierungseffekte früh zu erkennen.
So können Sie entscheiden, welche Rollen Klassiker und nachhaltige Variante im Portfolio einnehmen – und wie beide gemeinsam Wachstum und Umsatz generieren.
Möchten Sie wissen, wie Ihre Marke nachhaltiger werden kann, ohne ihren Kern zu verlieren – und welche Line-Extension-Strategie wirklich zu Ihren Kund:innen passt?
Dann sprechen Sie mit uns. Wir verbinden Markenpsychologie, Konsumforschung und Category-Expertise – für nachhaltige Angebote, die nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht und gut angenommen sind.

Sebastian Klein
Senior Research Director

Dr. Jörg Munkes
Managing Director
Heidelberg





