
Hitzewellen sind ein wachsendes Gesundheitsrisiko. Doch das Wissen um eine Gefahr führt nicht automatisch dazu, dass Menschen sich schützen. Entscheidend ist zum einen, ob Informationen einen klaren Handlungsimpuls auslösen – und zum anderen, ob Menschen wissen, was sie konkret tun können und sich dazu in der Lage sehen.
Zwei aktuelle Studien aus dem Center for Preventive Medicine and Digital Health (CPD) der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg beleuchten diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven. Bei beiden Untersuchungen setzte die GIM die empirischen Erhebungen um und war in die operative Beratung zur Durchführung eingebunden.
Beim UV-Schutz gibt es einen klaren Auslöser
Im Rahmen eines bevölkerungsrepräsentativen Vignettenexperiments wurden 2.003 Menschen in Deutschland unterschiedliche Wetterlagen in einer an Wetter-Apps angelehnten Darstellung gezeigt. Anschließend gaben sie an, welche Maßnahmen sie zum Schutz vor Hitze und UV-Strahlung ergreifen würden.
Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Beim UV-Schutz stieg die Bereitschaft zu Schutzmaßnahmen zwischen einem UV-Index von 7 und 8 sprunghaft an. Beim Hitzeschutz war dagegen kein vergleichbarer Schwellenwert erkennbar. Mit steigenden Temperaturen nahm die Schutzbereitschaft zwar zu – allerdings nur allmählich.
Das passt zu der Interpretation der Forschenden, dass beim Hitzeschutz bislang ähnlich klare und etablierte Handlungssignale fehlen, wie sie der UV-Index mit Risikostufen und Verhaltensempfehlungen bietet.
Die Höchsttemperatur bleibt der wichtigste Orientierungswert
Die Befragten orientierten sich beim Hitzeschutz vor allem an der angekündigten maximalen Lufttemperatur. Die gefühlte Temperatur spielte eine deutlich geringere Rolle – obwohl sie die körperliche Wärmebelastung umfassender abbilden soll.
Für die Risikokommunikation ist das relevant: Wissenschaftlich aussagekräftige Werte allein reichen nicht. Informationen müssen so verständlich sein, dass Menschen daraus konkrete Entscheidungen für ihren Alltag ableiten können.
Doch selbst ein klares Warnsignal beantwortet noch nicht die Frage, warum Menschen eine empfohlene Schutzmaßnahme tatsächlich umsetzen.
Was Schwangere zum Hitzeschutz motiviert
Hier setzt eine zweite aktuelle Studie an. Sie untersucht auf Basis einer Stichprobe von 474 Schwangeren in Deutschland zehn unterschiedliche Hitzeschutzverhaltensweisen. Grundlage ist eine erweiterte Protection Motivation Theory, die neben der Wahrnehmung einer Bedrohung auch Bewältigungsüberzeugungen sowie soziale und Umweltfaktoren berücksichtigt.
Das zentrale Ergebnis: Die sogenannten Coping Appraisals waren über die untersuchten Verhaltensweisen hinweg stärker mit Schutzabsichten verbunden als die reine Einschätzung der Bedrohung. Entscheidend ist also nicht nur, ob eine Gefahr als ernst wahrgenommen wird, sondern auch, ob Menschen glauben, dass Schutzmaßnahmen wirksam sind und sie diese selbst umsetzen können.
Auch soziale Unterstützung spielt eine wichtige Rolle. Hinweise und Ermutigung durch Familienangehörige sowie Fachkräfte der Schwangerenversorgung standen bei neun von zehn untersuchten Verhaltensweisen mit Verhaltensanpassungen in Zusammenhang.
Von der Warnung zur Handlungsfähigkeit
Zusammen ergänzen sich die beiden Studien. Die erste zeigt, dass Hitzekommunikation einen verständlichen Auslöser für Schutzverhalten braucht. Die zweite macht deutlich, dass ein solcher Impuls allein nicht genügt: Menschen müssen auch wissen, was sie tun können, an die Wirksamkeit der Maßnahmen glauben und sich zu ihrer Umsetzung in der Lage sehen.
Eine wirksame Hitzekommunikation sollte deshalb möglichst klar miteinander verbinden:
- einen verständlichen Belastungswert und nachvollziehbare Warnstufen,
- konkrete und umsetzbare Schutzmaßnahmen,
- Unterstützung dabei, diese Maßnahmen tatsächlich umzusetzen.
Gerade für besonders gefährdete Gruppen wie Schwangere bedeutet das auch, das soziale und professionelle Umfeld mitzudenken. Gesundheitskommunikation richtet sich nicht nur an Einzelne. Familie, medizinische Fachkräfte und andere Bezugspersonen können wichtige Impulse für Schutzverhalten geben.
Dabei darf die Verantwortung nicht allein beim Individuum liegen. Wer im Freien arbeitet, in stark aufgeheizten Wohnungen lebt oder nur begrenzte Möglichkeiten hat, den Alltag anzupassen, kann Empfehlungen nicht immer ohne Weiteres umsetzen. Verständliche Warnungen müssen daher mit gesundheitlichen, betrieblichen und strukturellen Schutzmaßnahmen zusammengedacht werden.
Sozialforschung schafft die Verbindung zum Alltag
Beide Studien betrachten Hitzeschutz aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Das Vignettenexperiment untersucht, welche Wetterinformationen Schutzabsichten auslösen. Die Studie mit Schwangeren analysiert, welche psychologischen, sozialen und umweltbezogenen Faktoren mit Schutzabsichten und Anpassungsverhalten zusammenhängen.
Damit ergänzen sie meteorologische und medizinische Forschung um eine entscheidende Perspektive: Nicht nur wann eine gesundheitliche Belastung besteht, sondern wie Menschen Informationen wahrnehmen, in Handlungsabsichten übersetzen und welche Bedingungen ihnen die Umsetzung erleichtern.
Für die Umsetzung solcher Untersuchungen kommt es darauf an, wissenschaftliche Fragestellungen in belastbare und zugleich alltagsnahe Erhebungsdesigns zu übersetzen. Genau an dieser Schnittstelle war die GIM in beiden Projekten beteiligt: in der operativen Beratung und in der Durchführung der empirischen Erhebungen.
Die zentrale Erkenntnis aus beiden Arbeiten: Gute Hitzekommunikation muss mehr leisten, als ein Risiko sichtbar zu machen. Sie muss Orientierung geben, Handlungsfähigkeit stärken und Schutz im Alltag möglichst machbar machen.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Conditional protective behaviour intentions in response to heat stress and UV radiation: Evidence from a representative behavioural experiment
https://doi.org/10.1016/j.envint.2026.110423
Heat-protective behavior in pregnancy: Extending Protection Motivation Theory with environmental and social factors
https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2026.119653
FAQ zur Methodik der Hitzestudie
Was ist ein Vignettenexperiment?
Ein Vignettenexperiment legt Befragten standardisierte, realitätsnahe Szenarien vor, deren Merkmale gezielt variiert werden. So lässt sich untersuchen, welche Informationen Entscheidungen beeinflussen, ohne den kontrollierten Vergleich aufzugeben.
Warum ist Repräsentativität bei einem solchen Experiment wichtig?
Beim Hitzeschutz kann das Verhalten unter anderem nach Alter, Gesundheit, Arbeits- und Wohnsituation variieren. Eine repräsentative Stichprobe bildet diese Vielfalt besser ab und schafft eine belastbarere Grundlage für Warnsysteme, die der gesamten Bevölkerung Orientierung geben sollen.
Was bedeutet ein Schwellenwert im Kontext des Schutzverhaltens?
Ein Schwellenwert bezeichnet einen Punkt, ab dem sich die Handlungsbereitschaft deutlich verändert. In der Studie zeigte sich ein solcher Sprung zwischen einem UV-Index von 7 und 8; beim Hitzeschutz stieg die Schutzbereitschaft dagegen nur allmählich.
Reichen Informationskampagnen zur Aktivierung?
Selten allein. Entscheidend sind Friktionsabbau (Termin/Installation), klare Nutzenübersetzung und Vertrauen/Serviceversprechen.
Was können Verhaltensabsichten über tatsächliches Verhalten aussagen?
Verhaltensabsichten sind nicht mit tatsächlich beobachtetem Verhalten gleichzusetzen. Sie zeigen aber, ob bestimmte Informationen grundsätzlich als Handlungsimpuls funktionieren, und ermöglichen den systematischen Vergleich verschiedener Wetterlagen und Kommunikationsreize.
Welche Vorteile bietet eine alltagsnahe Darstellung wie eine Wetter-App?
Sie erhöht die Nähe zur realen Entscheidungssituation und reduziert die Abstraktheit allgemeiner Fragen. Zugleich bleibt die Informationsdarstellung standardisiert, sodass Unterschiede in der Schutzbereitschaft gezielter mit einzelnen Angaben in Verbindung gebracht werden können.
Vielen Dank an das Team der Universitätsmedizin Mannheim und des Center for Preventive Medicine and Digital Health für die vertrauensvolle Zusammenarbeit!

Alexandra Wachenfeld-Schell
Corporate Director,
Head of Public & Media Research
Wiesbaden