Angewandte Trendforschung für Genossenschaftsbanken

Schulze-Delitzsch – „nur“ Begründer der Genossenschaftsidee, oder nach wie vor Visionär?

Im Jahr 2008 beschäftigen sich die Genossenschaftsbanken unter anderem mit der Frage, inwiefern die genossenschaftliche Idee weiterhin trag- und zukunftsfähig ist. Die privatwirtschaftlichen Institute melden zunehmend gewaltigere Gewinne, Landesbanken agieren international, gleichzeitig ziehen aber deutlich wahrnehmbare Gewitterwolken am Finanzhimmel auf (Lehman Brothers-Zusammenbrauch 3 Wochen später). Sind genossenschaftliche Prinzipien also doch nicht „veraltet“, sondern sehr wohl wettbewerbsfähig? Wenn ja, wie?

Die Aufgabe

Die Lösung

Der Erfolg

Die Aufgabe

Hermann Schulze-Delitzsch hatte bei seiner Genossenschaftsgründung Grundsätze wie Selbsthilfe und Selbstverantwortung im Blick. Seine Botschaft lautete: „Auf der Freiheit, verbunden mit der Verantwortlichkeit für deren Gebrauch, beruht die gesunde Existenz des Einzelnen, wie der Gesellschaft.“ Es stellte sich die Frage, inwiefern die genossenschaftliche Grundidee aktuell ist und damit wettbewerbsrelevant. Kann man aus vorhersehbaren Werteentwicklungen Aussagen für den genossenschaftlichen Verbund treffen, die seine Positionierung am Markt stärkt?

Die Lösung

Auf Basis von Erkenntnissen der GIM-Werteforschung und vor allem der Delphi-Studie „Vision 2017“ konnten folgende Ergebnisse und Ableitungen für die genossenschaftliche Idee skizziert werden:

Verantwortung einerseits und Freiheit andererseits: Ein Widerspruch in sich, oder eine aktuelle Herausforderung?

Forschung mit Werten hat in der GIM eine lange Tradition. Immer wieder ist in der Gesellschaft die Diskussion spürbar, wie Freiheit und Verantwortung zusammenhängen. Drei typische Denkmodelle konnten dazu isoliert werden:

  1. Freiheit und Verantwortung sind unauflösbare Widersprüche und haben nichts gemein (fatalistisches Modell).
  2. Freiheit und Verantwortung sind Antagonisten: Ein Mehr an Verantwortung bedeutet immer ein Weniger an Freiheit und umgekehrt (Polarisierendes Modell).
  3. Freiheit und Verantwortung sind eng miteinander verwoben. Dieses integrative Modell sagt, Freiheit und Verantwortung können ohne das jeweils andere nicht sein.


Das Schulte-Delitzsch'sche Verständnis entspricht dem 3. Verständnismodell, dem integrativen Modell, und ist somit zumindest hochaktuell. Wie kann es aber in die Zukunft relevant interpretiert werden?

Welche Ableitungen lässt die Delphi-Studie Vision 2017 für den Genossenschaftsverbund zu?

Die fünf Grundorientierungen, die die GIM-Studie Vision 2017 herauskristallisierte, führen zu folgenden Ableitungen für genossenschaftliche Banken:

  • „Managing Dutility“ (Funktionieren im System): Gegenpositionierung gegenüber Direktbanken beziehen, Kunden ansprechen, die mehr brauchen als nur beste Konditionen. Beraten = „das System der Kundensituation verstehen“.
  • „Living Substance“ (Zurück zum Wesentlichen): Betonung der Kontinuität des Unternehmens, um Vertrauensvorsprung weiter auszubauen, Verlässlichkeit kommunizieren UND praktizieren. Beraten = „Transparenz und Ordnung in einem undurchsichtigen Markt verschaffen, die Suche nach dem Richtigen unterstützen“
  • „Embedding Individuality“ (Weniger Ich – mehr Wir): Etablieren von „WIR“-bezogenen Produkten, mit denen der Kunde gezielt auch an andere denken kann (z.B. im Familienverbund). Beratung = „Beziehungspartnerschaft, also Ausbau des Wertes Verantwortung“.
  • „Creating Liveholder Value“ (Gestalten und Partizipieren): Revival der genossenschaftlichen Idee der Selbstverantwortlichkeit: Verantwortungsübernahme und Teilhabe als Anreiz für qualifizierte Führungskräfte (Mitarbeiterebene), veränderte Kommunikation mit dem zunehmend aufgeklärt auftretenden Kunden (Kunde als Planungs-PARTNER)
  • „Engaging in a Sane Society“ (Nachhaltigkeit und Soziale Verantwortung): CSR und Nachhaltigkeitsaktivitäten aufsetzen und stärker kommunizieren; CSR muss dabei mehr als eine Geldspende sein, sondern muss aus Projekten mit Verantwortungsübernahme stehen! Andenken von Finanzprodukten, die sozial und ökologisch positiv bewertet werden. Praktizieren von Verantwortung!

Der Erfolg

Hieraus konnten einige Leitlinien für konkrete Aktionsfelder für die Genossenschaftsbanken abgeleitet werden

  • Kunde: Braucht Transparenz, Begleitung in seinem „Lebenssystem“, eine klar aufgestellte Marke.
  • Vertrieb: Positionierung als „Navigator“, d.h. der Kunde gibt das Ziel vor, der Vertrieb weist den Weg.
  • Mitarbeiter: Vermehrte Verantwortlichkeit nicht nur im persönlichen Zuständigkeitsbereich zulassen, sondern auch bei der Mitarbeit am Erfolg der Marke, beim Kunden und in der Gesellschaft.
  • Gesellschaft: Genossenschaftsbanken nicht nur als verantwortungsbewusste, sondern gerade als verantwortliche Projektbetreiber aufstellen.

Damit ist auch das „integrierte Verständnismodell“ von Schulze-Delitzsch von Freiheit und Verantwortung sinnvoll und nachhaltig in der Zukunft fortführbar.